Archiv für April 2011

Ulrike Putz rätselt über Goldstone-Wende

Ulrike Putz schreibt für Spiegel Online, dafür begleitet sie auch mal ein paar antisemitische Terroristen zum Raketenbau. Jetzt, nachdem Goldstone seinen berüchtigten Bericht sozusagen selbst für ungültig erklärt hat (kurze Geschichte des Berichts auf Lizas Welt), ist die Aufregung groß. Ulrike Putz berichtet und hat sich schon in der Überschrift festgelegt:

„Israel rätselt über Goldstone-Wende“ impliziert schon von Anfang an, dass es aus israelischer Sicht seltsam wäre, dass Goldstone zugegeben hat, dass sein Bericht nicht den Tatsachen entspricht, dass die israelischen Kriegsverbrechen gar keine waren. In diesem Ton geht es weiter:

Was hat Richter Goldstone dazu bewogen, seinen umstrittenen Uno-Bericht zum Gaza-Krieg zu relativieren? In Israel wird nun über politische Gründe spekuliert. Aber auch private Motive könnten eine Rolle spielen: Er sei beschimpft und bedroht worden, heißt es.

Dass Goldstone den Bericht deswegen relativiert haben könnte, weil die Fakten eine andere Sprache sprechen, davon will man bei SPON gar nicht erst reden. Stattdessen erzeugt man ein Bild, dass entweder politischer oder persönlicher Druck auf Goldstone ausgeübt wurde, der Bericht aus Selbstschutz geändert wurde -weil Goldstone angeblich gemobbt worden wäre – statt um der Wahrheit Genüge zu tun.

Und als der Griff ins Klo nicht schon genug Ekelhaftigkeiten zu Tage gefördert hat, geht es weiter:

Israelische Zeitungen spekulierten eifrig über die Hintergründe der Volte. Hamas-Sprecher Sami Abu Suhri nannte Goldstones Kehrtwende „sehr merkwürdig“. „Es ist verwunderlich, dass Goldstone plötzlich von dem Inhalt seines Berichts abrückt und sagt, er akzeptiere die israelische Sichtweise“, sagte Abu Surhi.

Man muss sich das einmal vor Augen führen: Als erste Stimme wird der Sprecher der Hamas genannt, als verträte er einen normalen, moderaten Standpunkt, statt die Vernichtung der Juden. Nachdem man dann einen Antisemiten als seriöse Quelle verstanden haben will, verdeutlicht Putz noch einmal, dass Israel seine Selbstverteidigung nach wie vor zu rechtfertigen habe:

Israel rechtfertigt die dreiwöchige Offensive „Gegossenes Blei“ bis heute als notwendige Selbstverteidigung gegen die andauernden Raketenangriffe militanter Palästinenser aus dem Gaza-Streifen.

Sie rechtfertigen es bis heute als Selbstverteidigung. Frau Putz wartet darauf, dass Israel es nur endlich zugibt. Ihr ganzes Fachwissen breitet sie dann am Ende aus:

Die über den Gaza-Streifen herrschende Hamas wiederum habe nichts getan, um Angriffe militanter Palästinenser auf Israel mit Raketen und Mörsergranaten zu untersuchen, bemängelte Goldstone nun.

Wäre auch seltsam, wenn die Hamas gegen ihre eigenen Ziele arbeiten würde.

Aiman Mazyek und die Muslimbrüder

Aiman Mazyek ist Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Neulich schrieb er einen Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung. Dieser ist erst mal nicht sonderlich aufregend, er finden sich die üblichen Phrasen zum Thema Integration, zudem berechtigte Kritik an der Enthaltung im Libyen-Einsatz. Interessant wird es erst im zweiten Teil. Dort heißt es zur Situation in Ägypten:

Religiöse Gruppierungen in Arabien wie die Muslimbrüder werden sich dem demokratischen Wettbewerb stellen müssen. Man wird von ihnen seriöse Antworten auf die gewaltigen wirtschaftlichen und sozialen Probleme ihrer Länder erwarten. Die Zeiten der Ideologisierung der Religion sind – das hat die Revolution eindrucksvoll gezeigt – endgültig vorbei.

Hierzu ist festzustellen: Die Muslimbrüder sind nicht einfach eine religiöse Gruppierung, denen man entspannt dabei zusehen kann, wie sie sich dem „demokratischen Wettbewerb stellen“. Barry Rubin gilt als einer der führenden israelischen Nahostexperten, er hat ein Buch über die Muslimbrüder verfasst, in der Märzausgabe der Monatszeitschrift konkret gab er ein Interview (Dieses ist in englischer Sprache hier nachzulesen).

Auf die Frage „Wie radikal ist die Muslimbruderschaft? Manche Leute behaupten, sie sei moderat.“ antwortete er:

Das ist absoluter Unsinn. Die Sache ist leicht zu erklären. Das Regime hat die Muslimbruderschaft sehr stark unterdrückt. Unter Nasser wurden ihre Mitglieder in Internierungslager gesteckt und gefoltert. Dorthin wollten sie nicht zurück, also wurden sie vorsichtiger. Trotzdem sind sie immer noch extrem. Sie brauchen bloß eine beliebige Rede ihrer Anführer oder eine ihrer Publikationen zu lesen. Die englischsprachige Website, die sie haben, ist natürlich sehr moderat – für die Trottel. Lesen Sie die Rede, die der Kopf der Muslimbruderschaft im Oktober gehalten hat. Er hat den Dschihad gegen die Vereinigten Staaten ausgerufen. Der Westen ist zu dumm, um zu überleben, wenn er die lächerlichen Lügen von der „moderaten“ Muslimbruderschaft glaubt. Die Muslimbruderschaft in Ägypten ist genauso radikal wie die Hisbollah oder die Hamas. Sie benutzt keine Gewalt, also sagen die Leute: „Sie sind moderat“ Wenn die Bruderschaft in der Vergangenheit Gewalt angewendet hat, hat das Regime sie zerdrückt, das ist der Grund, warum sie es nicht tut – nicht, weil sie moderat wäre.
[…]
Uns wurde gesagt: „Die Muslimbruderschaft wird den Friedensvertrag mit Israel nicht aufkündigen.“ Dann fingen die Führer der Muslimbruderschaft plötzlich an, darüber zu diskutieren, bis kürzlich ihr stellvertretender Vorsitzender sagte: „Ja, wir werden den Friedensvertrag aufkündigen.“ Das bedeutet nicht, dass sie das am Ende auch wirklich tun, aber es besteht die Möglichkeit, dass Israel sich eines Tages im Kriegszustand mit Ägypten wiederfindet.

Der offene Antisemitismus der Muslimbruderschaft findet seine Begründung unter anderem in den Schriften Sayyid Qutbs, der nach wie vor als einer ihrer wichtigsten Theoretiker gilt. In dessen Tradition befindet sich auch der, erst im Januar 2010 gewählte, momentane Führer der Muslimbruderschaft Muhammad Badi‘e.

Die Fakten widerlegen Aiman Mazyeks Behauptung: „Die Zeiten der Ideologisierung der Religion sind – das hat die Revolution eindrucksvoll gezeigt – endgültig vorbei.“ Wenn die Muslimbruderschaft als „religiöse Gruppierung“ bezeichnet wird, die sich „dem demokratischen Wettbewerb stellen“ muss, dann ist das eine fatale und gefährliche Einstellung. Es ist anzunehmen, dass der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland über die Muslimbrüder und ihre Haltung Bescheid weiß. Dies lässt nur einen Schluss zu, dass Islamismus und damit einhergehend Antisemitismus wieder einmal als marginal abgetan werden.