Völkerfreundschaft vs. Sarrazin

Im Raum Stuttgart schlug man sich in letzter Zeit – besonders wenn es um Protest ging – vor allem mit S21 herum. Nun gibt es aber auch noch andere Themen, dazu gehören auch das Buch Deutschland schafft sich ab und sein Autor. (Kritische Auseinandersetzung gibt es schon eine Menge, es liegt nun daran, sie zu vermitteln, deswegen sei lediglich diese Seite empfohlen) Man überschlägt sich regelrecht dabei mitzuteilen, dass Sarrazin ein gemeingefährlicher Rassist ist, oder dass endlich mal einer sage, was die meisten denken, sich aber lediglich nicht auszusprechen getrauen. (Als ob die Überzeugung der Mehrheit ein gültiges Argument für die Richtigkeit einer Annahme wäre.)

Nun war also Thilo Sarrazin in die Sindelfinger Buchhandlung Röhm geladen, um gleich zwei Lesungen abzuhalten, die mit zusammengerechnet 500 Besuchern eine Menge Zuhörerschaft anzog und laut dem Bericht der unsägliche Rassisten von Politically Incorrect von einer freundlichen Stimmung geprägt war, möglicherweise „die erste Veranstaltung seit der Veröffentlichung seines Buches, wo Sarrazin keinen Anfeindungen ausgesetzt war – bis auf dem Lärm vor der Buchhandlung.“ In der Buchhandlung Röhm befindet sich Sarrazin in bester Gesellschaft – zehn Tage vor ihm las auch schon Roger Willemsen am gleichen Ort (über Compact). Selbstverständlich war auch dessen Lesung ausverkauft.

roger willemsen

Da nicht sein darf, was nicht sein soll, rief die Antifaschistische Aktion Aufbau Stuttgart dazu auf die geplante Veranstaltung zu verhindern. Dazu gab es dann einen Flyer vom Aktionsbündnis Internationale Solidarität Sindelfingen/Böblingen/Stuttgart (Vorderseite, Rückseite), der leider nicht gerade vor ausführlicher Kritik glänzte, geschweige denn sonderlich emanzipatorisch war.


In Sindelfingen haben sich alle lieb…


… und wünschen sich, dass ihr Volk sich mit den anderen verträgt.

Wie es zusammen passt lauthals „Gegen das Konstrukt von Volk, Nation und Rasse – für uns gibt es nur eines: Klasse gegen Klasse!“ rufend einen Flyer zu verteilen der von Völkerfreundschaft spricht, das wird sowohl auf den ersten Blick als auch auf die folgenden nicht klar.
Während in der Buchhandlung also freundlich auf Herrn Sarrazin eingegangen wurde, der Sätze von sich gab wie

„Wir sind kurz vor dem Punkt, wo die Sache auf demokratischem Wege nicht mehr zu regeln ist.“

– was niemand weiter zu stören schien, respektive von PI begeistert aufgenommen wurde – harrten in der Kälte draußen die Demonstranten aus, zogen einmal durch die Sindelfinger Innenstadt und hatten anscheinend Silversterknaller dabei. Selbstverständlich berichtete auch die Lokalpresse über die Vorgänge (die, ganz zufälligerweise, dem gleichen Besitzer zuzuordnen ist wie die die Veranstaltung ausrichtende Buchhandlung).

Wie ein handelsüblicher Silvesterböller acht Personen verletzen soll, das ist dann doch etwas unklar, erinnert dann doch eher an einen anderen Vorfall. Den Verletzten wünscht instant end selbstverständlich eine gute Besserung.

Im Bericht der Antifa spricht man jedenfalls von einem erfolgreichen Protest, es sei eine „internationalistische Kundgebung und kämpferische Demo“ gewesen. Immerhin: Als einige Personen mit türkischen Nationalfahnen auftauchten, so schreibt die Antifa, wurden „diese Türkische Nationalisten […] der Veranstaltung schnell verwiesen.“

Man muss den Protestierenden zwar anrechnen, dass sie überhaupt protestiert haben, aber gleichzeitig müssen sie sich auch damit beschäftigen, was sie versäumt haben. Nämlich darauf hinzuweisen, dass Sarrazin eben kein rechtsextremer Hetzer ist, sondern direkt aus der Mitte der Gesellschaft kommt, deren Vokabular und deren Logik anwendet, schlichtweg die ganz alltägliche Verwertungslogik übernimmt und offen ausspricht.
Sarrazin ist eben kein Kritiker islamischer Zustände, sondern jemand der sich Gedanken darüber macht, wie mit, in der Logik des Kapitals, Überflüssigen umzugehen ist. Und genau deswegen ist sich nicht auf ihn und seine Ideen einzulassen: Weil bei der Verwertung von Menschen kein Wie zu diskutieren ist, sondern nur ein klares Nein erfolgen kann.
Es wäre angebracht kritisch zu hinterfragen wo und wie genau die Kritik letztlich anzubringen ist. Und wenn man schon eine zweistellig anmutende Anzahl an Redebeiträgen hält, dann wäre es angebracht, wenn statt den sich wiederholenden klassischen Parolen etwas mehr inhaltliche Kritik geleistet worden wäre. Und da wäre auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Islam wünschenswert, die leistet Sarrazin – obwohl es ihm von den Protestierenden vorgeworfen wird – nämlich gar nicht. Diese wäre stattdessen wünschenswerterweise von der Linken zu leisten. Daran wäre nämlich viel weniger etwas rassistisches zu erkennen, als vielmehr ein notwendiges Vorgehen.

Statt also einfach mit lauter Musik und einer Demo darauf hinzuweisen, dass Sarrazins Position nicht akzeptabel ist, wäre also bzw. zusätzlich die Vermittlung emanzipatorischer Inhalte wünschenswert gewesen. Da damit eines der grundsätzlichen Probleme weiter Teile der Linken wieder einmal offen liegt, soll es hier nicht unerwähnt bleiben: Der Hang das (bisweilen vermeintlich) richtige Tun zur maßgeblichen Institution der Kritik zu machen, statt die Kritik selbst.
Und dann wäre eine Konsequenz zu ziehen: Nämlich darauf aufmerksam zu machen, dass der von Sarrazin vorgegeben Diskursrahmen gar nicht erst aufgegriffen werden sollte. (Wer das trotzdem tun möchte, der kann sich den Faktencheck in der Broschüre von die Linke zu Gemüte führen.)


2 Antworten auf „Völkerfreundschaft vs. Sarrazin“


  1. 1 Hans 06. Dezember 2010 um 13:41 Uhr

    „Im Bericht der Antifa“ es gibt nicht DIE Antifa. Bitte schon den Namen der Gruppe erwähnen, sie sprechen nicht für andere Antifas.

  2. 2 Administrator 06. Dezember 2010 um 13:57 Uhr

    Dass es sich hierbei um die Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart handelt wird schon weiter oben erwähnt, ist zudem beim verlinkten Bericht ersichtlich.

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