Rote Antifa [NRW] vs. Kapitalistenklasse

„Erste Ausgabe der „Roten Ruhr“ erschienen!“

verkündet die Rote Antifa [Essen] auf indymedia linksunten. Diese erste Ausgabe (pdf download) besteht aus ganzen vier Seiten und enthält „das neue Selbstverständnis der Roten Antifa [NRW], einen Artikel zur momentanen „Terrorhysterie“, einen Ausblick auf die jährliche LLL-Demo in Berlin und einen Rückblick auf die Anti-Nazi-Proteste in Essen.“

rote antifa

Mit dem Selbstverständnis der Roten Antifa [NRW] wird sich dann auch schon recht schnell und deutlich positioniert. Man ist eine „revolutionäre Jugendgruppe“, versucht eine „klassenbewusste Jugendbewegung aufzubauen“ und will sich selbstverständlich „offensiv gegen die Missstände dieser Gesellschaft stellen.“ Dafür liefert man dann auch gleich eine theoretische Basis, die den herrschenden Zustand in aller Kürze erfasst, schließlich will man

„nicht nur gemeinsam gegen Hartz IV, Rassismus und Krieg kämpfen, sondern auch gegen das herrschende System, in dem die Mehrheit der Bevölkerung (Arbeiterklasse) durch eine kleine Minderheit (Kapitalistenklasse) ausgebeutet und unterdrückt wird; wobei die Kapitalistenklasse von dem von der Arbeiterklasse geschaffenen Reichtum lebt und sich daran bereichert.“

Glücklicherweise hat die Rote Antifa [NRW] auch das Patentrezept um das herrschende System zu überwinden:

„Um eine revolutionäre Situation schaffen zu können, müssen wir in aktuelle Kämpfe eingreifen und uns organisieren.“

Wer meint in puncto struktureller Antisemitismus wäre die Spitze der Fahnenstange schon durch Gruppierungen wie SOL Hamburg erreicht, der wird hier eindeutig des Besseren belehrt. Die Rote Antifa [NRW] ist ein Paradebeispiel für die Praktizierung eines simplifizierenden Weltbilds, wer die Welt so leicht in gut und böse unterteilen kann, der sollte vielleicht noch einmal etwas nachdenken. Oder Marx lesen, der schrieb nämlich schon: Die

„Charaktermasken der Personen sind nur die Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse, als deren Träger sie sich gegenüberstehen.”

„Es geht um Personen, nicht um Individuen.“ schlußfolgerte auch Joachim Bruhn in “Charaktermasken abschminken” – Abstrakte Herrschaft, bewaffneter Kampf, konkrete Leichen.

Vielmehr gibt das Selbstverständnis dann auch nicht her. Wer dann noch ein bisschen auf der Homepage der Roten Antifa stöbert, der findet allerlei reaktionären Kram insbesondere natürlich den obligatorischen Hass auf Israel und verkürzte Kritik wo es auch nur möglich ist sie anzubringen (1, 2, 3, 4)

Und warum es sich hier um strukturellen Antisemitismus handelt? beatpunk schrieb zur Thematik:

»Meiner Deutung nach«, fasste Postone einen zentralen Aspekt seiner Analyse des modernen Antisemitismus zusammen, »wurden die Juden also nicht nur mit dem Geld, das heißt der Zirkulationssphäre, sondern mit dem Kapitalismus überhaupt gleichgesetzt. […] Die Überwindung des Kapitalismus und seiner negativen Auswirkungen wurde mit der Überwindung der Juden gleichgesetzt.« Exakt auf den Punkt gebracht, lässt sich da nur sagen.
Es ist genau diese assoziative Identität, die in der Rede vom strukturellen Antisemitismus gemeint ist. Ohne eine Kapitalismuskritik, in der das Kapital nicht als prozessierender Widerspruch sondern als zerschlagbare Einheit dargestellt wird, die von »Herrschenden« zusammengehalten wird, fände der Antisemitismus keinen Anknüpfungspunkt in der Kapitalismuskritik, während umgekehrt ohne antisemitische Fixierungen, die den Abgleich der Vorstellungen vom Kapital mit der Realität verhindern, die behauptete Einheit an Plausibilität verlieren würden.

Abgesehen davon finden sich in der Roten Ruhr einige nicht weiter erwähnenswerte Texte und auf linksunten noch eine abschließende Drohung:

„Die „Rote Ruhr“ bekommt ihr ab sofort auf allen Aktionen wo ihr uns antrefft.“


2 Antworten auf „Rote Antifa [NRW] vs. Kapitalistenklasse“


  1. 1 egal 30. November 2010 um 0:48 Uhr

    Wenn Antideutsche-Hampelmänner und -frauen ihr halbverstandes Marx-Wissen tatsächlich als irgendwie richtig verkaufen wollen. Vermutlich ist die Rote Antifa ein Haufen von Dummköpfen, die das Konzept der Charaktermaske im marx’schen Kapital nicht begriffen haben…geschenkt. Der von dir gepostet Auszug lässt eine derartige Interpretation allerdings nicht zu, weil die Feststellung, dass in dieser Gesellschaft eine Klasse (Proletarier) einer anderen (Kapitalisten) diametral gegenübersteht, richtig bleibt.
    Aus der Feststellung, dass die Kapitalistenklasse nur aus Charaktermasken besteht, folgt aber letztlich nur eine Einsicht: Dass es relativ sinnlos ist, diese zu erschießen, weil letztlich einfach nur neue Charaktermasken ihren Platz einnehmen.
    Was letztlich die Leute nicht von ihrer individuellen Verantwortung befreit. Niemand nötigt einen Kapitalisten dazu Kapitalist zu sein, auch keine abstrakten Systemzwänge. Einem Antisemiten wirst du ja sicherlich auch nicht von der Verantwortung für sein handeln befreien, nur weil Antisemitismus in dieser Gesellschaft ein strukturelles Problem ist.
    Und die Feststellung, dass die Kapitalistenklasse sich an der Arbeiterklasse bereichert, ist leider auch richtig. Nur menschliche Arbeitskraft kann Mehrwert schaffen, nur Proletarier leisten diese, Einzelkapitale bereichern sich also an der Arbeitskraft ihrer Angestellten. Natürlich nicht persönlich im Sinne von Champagner, Kaviar und teuren Luxusschlitten (das ist meistens nur praktischer Nebeneffekt), sondern um die Kapitalakkumulation fortzusetzen.
    Ich empfehle dir stark nochmal die Abschnitte über das automatische Subjekt im Kapital zu lesen (und bitte auch wirklich da…in deiner Szene hat das Konzept leider niemand so richtig verstanden). Und noch ein kleiner Tipp: Dialektik spielt im marx’schen Werk eine große Rolle und hilft sehr solche Sachen halbwegs zu durchschauen. Gibt da ein nettes Büchlein von Adorno zu. :)

  2. 2 Administrator 30. November 2010 um 14:50 Uhr

    Erstens habe ich keine Auszug gepostet sondern die vollständige Erklärung die die Rote Antifa zum Kapitalismus abliefert. Und was meint denn „Niemand nötigt einen Kapitalisten dazu Kapitalist zu sein, auch keine abstrakten Systemzwänge.“? Ab wann ist man denn bitteschön Kapitalist? Sobald ich im Supermarkt arbeite und jemanden der sich etwas zu essen klaut weil er schrecklichen Hunger hat daran hindere und ihn der Polizei ausliefere? Oder sobald ich in einer Position bin, in der ich Personen feure? (Und genau hier liegt das Problem: Weil ich wenn ich meine Arbeit [bzw. viel mehr den Lohn] nicht verlieren will, dann muss ich eben auch solcherlei kapitalistische Handlungen ausführen. Weil ich das Geld brauche um mich und meine Kinder zu versorgen?!) Und deswegen besteht sehr wohl ein Unterschied zwischen der Wählbarkeit ein Antisemit zu sein und ein Kapitalist zu sein. Weil ich eben kein Antisemit sein muss um zu überleben, aber mich um zu überleben sehr wohl mit dem Kapitalismus arrangieren muss.
    Was meine Szene sein soll weiß ich leider nicht, dafür kann ich dich beruhigen, das nette Büchlein von Adorno (und Horkheimer?) habe ich gelesen.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.