Archiv für November 2010

Rote Antifa [NRW] vs. Kapitalistenklasse

„Erste Ausgabe der „Roten Ruhr“ erschienen!“

verkündet die Rote Antifa [Essen] auf indymedia linksunten. Diese erste Ausgabe (pdf download) besteht aus ganzen vier Seiten und enthält „das neue Selbstverständnis der Roten Antifa [NRW], einen Artikel zur momentanen „Terrorhysterie“, einen Ausblick auf die jährliche LLL-Demo in Berlin und einen Rückblick auf die Anti-Nazi-Proteste in Essen.“

rote antifa

Mit dem Selbstverständnis der Roten Antifa [NRW] wird sich dann auch schon recht schnell und deutlich positioniert. Man ist eine „revolutionäre Jugendgruppe“, versucht eine „klassenbewusste Jugendbewegung aufzubauen“ und will sich selbstverständlich „offensiv gegen die Missstände dieser Gesellschaft stellen.“ Dafür liefert man dann auch gleich eine theoretische Basis, die den herrschenden Zustand in aller Kürze erfasst, schließlich will man

„nicht nur gemeinsam gegen Hartz IV, Rassismus und Krieg kämpfen, sondern auch gegen das herrschende System, in dem die Mehrheit der Bevölkerung (Arbeiterklasse) durch eine kleine Minderheit (Kapitalistenklasse) ausgebeutet und unterdrückt wird; wobei die Kapitalistenklasse von dem von der Arbeiterklasse geschaffenen Reichtum lebt und sich daran bereichert.“

Glücklicherweise hat die Rote Antifa [NRW] auch das Patentrezept um das herrschende System zu überwinden:

„Um eine revolutionäre Situation schaffen zu können, müssen wir in aktuelle Kämpfe eingreifen und uns organisieren.“

Wer meint in puncto struktureller Antisemitismus wäre die Spitze der Fahnenstange schon durch Gruppierungen wie SOL Hamburg erreicht, der wird hier eindeutig des Besseren belehrt. Die Rote Antifa [NRW] ist ein Paradebeispiel für die Praktizierung eines simplifizierenden Weltbilds, wer die Welt so leicht in gut und böse unterteilen kann, der sollte vielleicht noch einmal etwas nachdenken. Oder Marx lesen, der schrieb nämlich schon: Die

„Charaktermasken der Personen sind nur die Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse, als deren Träger sie sich gegenüberstehen.”

„Es geht um Personen, nicht um Individuen.“ schlußfolgerte auch Joachim Bruhn in “Charaktermasken abschminken” – Abstrakte Herrschaft, bewaffneter Kampf, konkrete Leichen.

Vielmehr gibt das Selbstverständnis dann auch nicht her. Wer dann noch ein bisschen auf der Homepage der Roten Antifa stöbert, der findet allerlei reaktionären Kram insbesondere natürlich den obligatorischen Hass auf Israel und verkürzte Kritik wo es auch nur möglich ist sie anzubringen (1, 2, 3, 4)

Und warum es sich hier um strukturellen Antisemitismus handelt? beatpunk schrieb zur Thematik:

»Meiner Deutung nach«, fasste Postone einen zentralen Aspekt seiner Analyse des modernen Antisemitismus zusammen, »wurden die Juden also nicht nur mit dem Geld, das heißt der Zirkulationssphäre, sondern mit dem Kapitalismus überhaupt gleichgesetzt. […] Die Überwindung des Kapitalismus und seiner negativen Auswirkungen wurde mit der Überwindung der Juden gleichgesetzt.« Exakt auf den Punkt gebracht, lässt sich da nur sagen.
Es ist genau diese assoziative Identität, die in der Rede vom strukturellen Antisemitismus gemeint ist. Ohne eine Kapitalismuskritik, in der das Kapital nicht als prozessierender Widerspruch sondern als zerschlagbare Einheit dargestellt wird, die von »Herrschenden« zusammengehalten wird, fände der Antisemitismus keinen Anknüpfungspunkt in der Kapitalismuskritik, während umgekehrt ohne antisemitische Fixierungen, die den Abgleich der Vorstellungen vom Kapital mit der Realität verhindern, die behauptete Einheit an Plausibilität verlieren würden.

Abgesehen davon finden sich in der Roten Ruhr einige nicht weiter erwähnenswerte Texte und auf linksunten noch eine abschließende Drohung:

„Die „Rote Ruhr“ bekommt ihr ab sofort auf allen Aktionen wo ihr uns antrefft.“